Originaltitel: The Departed. Thriller, USA 2006, 149 Min., Farbe. Dreharbeiten: April bis Oktober 2005. Kinostart: USA 6. Oktober 2006, Deutschland 7. Dezember 2006. Verfügbarkeit Kaufvideo: USA 13. Februar 2007, Deutschland 13. April 2007. IMDb, Wikipedia, Offizielle Seiten beim Verleiher Warner Bros., Rotten Tomatoes; Übersicht von Kritiken: Perlentaucher, Filmzeit.
Boston, Massachusetts, in der Gegenwart. Nichts wünscht sich die Polizei mehr, als endlich den Gangsterboss der irischen Mafia, Frank Costello (Jack Nicholson), zu überführen. Zu diesem Zweck wird in einem aufwendigen Prozeß der Polizist Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) in Costellos Organisation eingeschleust. Nur zwei andere Beamte wissen um seine wahre Identität, der gelassene, väterliche Oliver Queenan (Martin Sheen) und der Heißsporn Bryce Dignam (Mark Wahlberg).
Der Polizist Colin Sullivan (Matt Damon) hingegen arbeitet als Informant für Costello. Er hat es bis in die Reihen der von Captain Ellerby (Alec Baldwin) geleiteten Ermittlungseinheit geschafft, die sich mit Costello befaßt. Sullivans Freundin Madolyn Madden (Vera Farmiga) betreut als Psychologin unter anderem den von seiner Tätigkeit gestressten Costigan und fängt schließlich mit ihm eine Affäre an.
Irgendwann ist sowohl den Gangstern als auch den Polizisten klar, daß sie beide einen Spitzel der jeweils anderen Seite in ihren Reihen haben. Die Suche beginnt, die Anspannung steigert sich ins Extrem.
Regie-Legende Martin Scorsese kehrt mit diesem Remake des Hongkong-chinesischen Thrillers „Infernal Affairs“ von 2002 wieder zu dem Genre zurück, das er so oft erfolgreich bearbeitet hat, dem Gangsterfilm. Neben einer beeindruckenden Darstellerriege (siehe Inhalt) hat Scorsese auch wieder diejenigen Mitarbeiter um sich versammelt, mit denen er schon seit Jahren kooperiert. Dazu zählen etwa der deutsche Kameramann Michael Ballhaus, Cutterin Thelma Schoonmaker oder Filmkomponist Howard Shore. Das Drehbuch stammt von William Monahan, der die Geschichte des Originalfilms für dieses Remake von Hongkong in seine Bostoner Heimat verlegt hat.
Auf verschiedenen Ebenen funktioniert der Film gut, man kann die darstellerische Leistung des bösen Nicholson, des gepeinigten DiCaprio oder des ständig fluchenden Wahlberg genießen, Ballhaus’ Close-ups in Kombination mit dem Schnitt Schoonmakers verdeutlichen die Gehetztheit der Beteiligten, und die Musik von Shore und das Folk-Rock-Titellied „I’m Shipping Up to Boston“ der Gruppe Dropkick Murphys sorgen für passendes Flair.
Es sind die vielen Ungereimtheiten in der Geschichte, die ein stimmiges Gesamtbild verhindern.
Überhaupt sind die ständigen Textnachrichten per Mobiltelefon kein geeignetes Mittel, um die Handlung zu tragen, und doch bleiben sie leider im Film allgegenwärtig. Ein vernünftig anonymisierter Informationsaustausch, z. B. über das Internet, wäre natürlich für einen Film noch weniger geeignet, aber wenigstens für die Gefahrenminimierung der Charaktere sinnvoll gewesen.
Eine weitere technische Ungereimtheit ist die Personaldatenbank der Bostoner Polizei, in der Costigans wahrer Einsatz offenbar vermerkt ist, aber so passwortgeschützt, daß nur ein eingeweihter Kreis darauf Zugriff hat und man seine Akte mit zwei Klicks spurlos löschen kann. So funktionieren solche Datenbanken nicht, sonst könnte ein Versehen oder Böswilligkeit ganze Mitarbeiterakten im Handumdrehen endgültig vernichten. Entweder speichert man Costigans wahren Hintergrund anderswo, oder man gibt sich damit zufrieden, daß sich solche Informationen nicht einfach von jedem, der Zugriff hat, wie irgendeine Datei löschen lassen. Das alles wäre zu verschmerzen, wenn es nicht für die Handlung so entscheidende Bedeutung hätte.
Schließlich die ständigen Wut- und Gewaltausbrüche. Nichts gegen Härte in einem Gangsterthriller, aber daß Polizisten sich so gar nicht unter Kontrolle haben und ständig zähnefletschend explodieren, daß überall (in der Originalversion) die fucks, cunts, cocksuckers hin- und herfliegen, sorgt nicht für Spannung und Atmosphäre, sondern wirkt in der Form einfach nur übertrieben.
Kritisch betrachten muß man auch die einzige nennenswerte Frauenrolle, Madolyn, bei der der Zuschauer einfach schlucken muß, daß sie zufällig zwischen Sullivan und Costigan gerät, die im Film größtenteils keine Berührungspunkte haben, und mit Costigan eine Affäre anfängt. Natürlich braucht der temporeiche Film auch Ruhephasen, aber dieses Liebesdreieck ist einfach zu konstruiert. Wie Jennifer Connellys Rolle in DiCaprios Blood Diamond wirkt auch die der Madolyn, als habe man dieser Testosteronoper einfach noch irgendwie eine Frauenrolle hinzufügen müssen.
Nur angedeutet wird die Vaterrolle, die auf gegensätzliche Weise sowohl Costello als auch Queenan für Costigan haben, vertieft wird diese Möglichkeit zur Ausarbeitung der Charaktere leider nicht, obwohl sich der Film (zu lange) zweieinhalb Stunden Zeit für alles mögliche andere nimmt.
Die Schlußphase ist ebenfalls holprig. (Vorsicht, Spoiler.) Costello war ebenfalls Informant, es gab einen zweiten Maulwurf in der Polizei, Dignams Selbstjustiz, all das wirft noch mehr Fragen zur löchrigen Handlung auf, die der Film aber gar nicht erst versucht, zu beantworten.
Departed gewann 2007 vier Oscars (Film, Regie, adaptiertes Drehbuch, Schnitt) bei fünf Nominierungen, Mark Wahlberg ging für die männliche Nebenrolle leer aus.
Fazit: Großes Kino, wie sehr die Unstimmigkeiten den Filmgenuß stören, muß aber jeder für sich entscheiden.
Wertung: 60 %.